Donnerstag, 5. Januar 2012
DURCH GASTFREUNDSCHAFT SICH UND DIE GÄSTE GENIESSEN. DERRIDA UND KAISERMÜHLEN-BLUES








„Der Hausherr ist bei sich zu Hause, doch tritt er nichtsdestoweniger dank des Gastes – der von draußen kommt – bei sich ein. Der Herr tritt also von drinnen ein, als ob er von draußen käme. Er tritt dank des Besuchers bei sich ein, durch die Gnade seines Gastes.“
(Derrida, Von der Gastfreundschaft, S. 91)

Mit anderen Worten, es „ist stets die Situation des Fremden, auch in der Politik, nämlich wie ein Gesetzgeber zu kommen, um das Gesetz vorzugeben und das Volk oder die Nation zu befreien, indem er von außen kommt, indem er in die Nation oder das Haus, das Zuhause eintritt, die ihn eintreten lassen, nachdem sie ihn gerufen haben.“
(Derrida, Von der Gastfreundschaft, S. 89)


Die Situation dürfte einigermaßen bekannt sein. Wenn ein gewöhnlicher Mensch mit einem Philosophen Bekanntschaft macht, so nimmt das sich ergebende Gespräch einen stereotypen Verlauf. Ja, zu Beginn, da spricht man noch dieselbe Sprache. Fragt nach Name, Beruf, Hobbys. Familienstand vielleicht noch. Doch wenige Wimpernschläge später fühlt man sich wie in einem Traum erwacht. Ein Abenteuerreisender umzingelt von Regenwaldindianern. Sobald nämlich der Philosoph seine Materie vor einem wie einen akustischen Teppich ausbreitet.
Dennoch Überraschung. An einem Punkt gibt es ein stummes Einverständnis zwischen beiden. Dass der Philosoph dem Wahnsinn gefährlich nahe steht. Wenn nicht sogar: dass er bereits wahnsinnig ist. (Descartes z.B. fühlt sich in seinen Meditationen bei allen seinen Zweifeln wie ein Wahnsinniger.)
Was sonst soll man von so Aussagen wie „ doch tritt er nichtsdestoweniger dank des Gastes – der von draußen kommt – bei sich ein“ halten? Nicht nur, dass es für manches Ohr geschwollen klingt. Heißt das jetzt, dass ich, wie ich beispielsweise erlebt habe, einem Freund prinzipiell gestatten muss, dass er meine Schränke durchsucht? Und wie werde ich dann bei mir heimisch? Oder wie ich bei einem Freund mitbekommen habe, der einem Kumpel Nudeln zum Essen angeboten hatte. Dass sich dieser Kumpel weiterhin die Möglichkeit herausnehmen kann, Zweidrittel des Essens zu nehmen, das eigentlich nur für zwei Leute gedacht war, nämlich für den Freund von mir und seine Freundin?
Ist das Verrücktheit? Selbst wenn man Wahnsinn für sehr befremdlich hält, gilt ja glücklicherweise andersherum nicht jeder Fremde oder jeder Mensch, der auf einen befremdlich wirkt, als ein Verrückter.

Aus diesem Grund möchte ich hier in aller Kürze Derridas Aussagen anhand der Kaisermühlen-Blues-Folge Nummer 5 „Hof-Konzert“ in den Alltag übersetzt werden.





_______________.:Was wir wohl manchmal eigentlich wirklich wollen: Souveränität.


Kommen wir in die glückliche Lage, uns (privat, politisch usw.) gastfreundlich erweisen zu können, so stellt Derrida fest, da wollen wir als Gastgebende gerne souverän sein. Selbst bestimmen. „Ich will bei mir zu Hause Herr sein (…), um empfangen zu können, wen ich möchte. Ich beginne für einen unerwünschten Fremden und virtuell für einen Feind zu halten, wer auch immer in mein ,Zuhause‘ eindringt und in meine Selbstheit, mein Gastfreundschaftsvermögen, meine Souveränität als Gastgeber eingreift“ (Derrida, Von der Gastfreundschaft, S. 45). Will heißen, drängt sich mir jemand auf und verstößt dabei gegen meine Vorstellungen von Gastfreundschaft, den halte ich relativ bald für einen Parasit oder Feind.
Gastfreundschaft in diesem üblichen Sinn lebt davon, dass ich meine Macht ausübe und bewahre. Derrida nennt dies eine „endliche Gastfreundschaft“. Ihr gegenüber steht die „unendliche Gastfreundschaft“. Diese meint, dass ich um des anderen willen handle. Dass ich mich darum kümmere, den anderen oder die andere zu behandeln, wie er oder sie das gerne möchte. (Das meint Derrida damit, wenn er schreibt es „ist stets die Situation des Fremden, auch in der Politik, nämlich wie ein Gesetzgeber zu kommen.“) Entsprechend ist es von diesem Blickpunkt aus z.B. sehr zweifelhaft, wenn ich vom Fremden verlange, er soll meine Sprache sprechen oder mir zuerst seinen Namen verraten.

In der Konsequenz steht man als souveräner Gastgeber vor zwei Problemen. Problem eins, man wird seine Gäste selektieren und filtern. Weder die Nicht-Gäste noch die Gäste werden in diesem Fall als andere behandelt. Problem zwei, man steht in der Gefahr, im allerschlimmsten Fall sogar ein Verbrechen mit reinem Gewissen zu begehen. Derrida nimmt hier als warnendes Beispiel Kants Schrift Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen. Kant stellt in dieser Schrift das Prinzip, immer die Wahrheit zu sagen und niemals zu lügen, über die Menschenliebe. In der Praxis heißt das, gewähre ich einem Verfolgten bei mir Unterschlupf, komme dann unguterweise in die missliche Lage, dass die Verfolger mich fragen, ob ich ihn oder sie gesehen habe, bei mir habe usw., werde ich wahrheitsgemäß antworten müssen. Allerdings, wer so handelt, der handelt um der eigenen Regeln und Prinzipien willen, nicht um des anderen willen. Überhaupt, die Einzigartigkeit des Situativen wird ausgeblendet.

Um es pointiert zu formulieren, ein souveräner Gastgeber ist ein Regelfetischist. Er wird zur „Geisel seiner selbst“, wie Derrida schreibt.
Ein solcher Mensch wird zwei unleugbaren Aspekten des Lebens nicht gerecht. Einerseits erkennt er nicht die Einzigartigkeit jedes Menschen und einer jeden Situation. Andererseits irrt er in der Annahme, er bestimme sich ausschließlich selbst. Diese Annahme ist falsch. Denn jeder Mensch bestimmt sich über andere Menschen, sei es durch Wertschätzung oder Ablehnung usw. Und jeder Mensch wird durch andere Menschen u.a. bestimmt. (Das meint Derrida damit, wen er schreibt, der Gastgeber „dank des Besuchers bei sich ein[tritt], durch die Gnade seines Gastes.“)





_______________.:Derridas Lösung: Der unlösbare Widerspruch von eigentlicher Gastfreundschaft und den Regeln der Gastfreundschaft ermöglicht es einem, sich wirklich gastfreundlich zu verhalten.


Derrida beschreibt diesen unlösbaren Widerspruch (er nennt es auch Antinomie oder Aporie) so: „Es gäbe da eine Antinomie, eine unauflösbare, nicht dialektisierbare Antinomie zwischen dem Gesetz der Gastfreundschaft, dem unbedingten Gesetz der uneingeschränkten Gastfreundschaft (dem Ankömmling sein ganzes Zuhause und sein Selbst zu geben, ihm sein Eigenes, unser Eigenes zu geben, ohne ihn nach seinem Namen zu fragen, ohne eine Gegenleistung oder die Erfüllung auch nur der geringsten Bedingung zu verlangen) auf der einen und den Gesetzen der Gastfreundschaft auf der anderen Seite, jenen stets bedingten und konditionalen Rechten und Pflichten, wie die griechisch-lateinische, ja jüdisch-christliche Tradition, wie alles Recht und alle Rechtsphilosophie bis Kant und insbesondere Hegel sie über die Familie die bürgerliche Gesellschaft und den Staat definieren“ (Derrida, Von der Gastfreundschaft, S. 60f).

Das unbedingte Gesetz der uneingeschränkten Gastfreundschaft („unendliche Gastfreundschaft“) steht hierarchisch gesehen über den bedingten Gesetzen der Gastfreundschaft. Doch diese „unendliche Gastfreundschaft“ bedarf dieser einzelnen Gesetze und erfordert sie. Obwohl also widersprüchlich, so sind sie doch unzertrennlich miteinander verbunden. Diese Sachlage beurteilt Derrida als die Bedingung dafür, dass man sich überhaupt verantwortlich verhalten kann.
Nimmt man eine Hauptaussage aus seinem Text Das andere Kap zu Hilfe, dann wird sehr deutlich, was Derridas Anliegen ist. Zwei Übertreibungen möchte er vermeiden. Die eine Übertreibung ist die reine Willkür, die andere Übertreibung der Regelfetischismus. Denn selbst wenn ich um des einzigartigen anderen willen in einer einzigartigen Situation handle, so ist damit keineswegs gesagt, das der andere oder die Situation chaotisch seien.
Dem oder der anderen gerecht werden zu wollen, bedeutet demzufolge immer und zugleich, dass ich ihm oder ihr verspreche, zuverlässig und treu zu sein. Jedes Mal als gilt es wieder, selbstständig und sorgsam zu erwägen, wie ich mich bestmöglich verhalten kann. Und dann heißt es, selbstverantwortlich zu handeln. Dies ist eine Forderung an alle Menschen. An jede und jeden.
Auf diese Weise wird jeder zur Geisel des anderen. Doch darin befreien sie sich gegenseitig. Sie entledigen sich der Selbstblendung, sie würden sich schon selbst bestimmen. Und sie von dem Zwang erlöst, sich ständig selbst souverän bestätigen zu müssen. Das heißt die Freiheit, den anderen als anderen anzuerkennen und vom anderen als anderer anerkannt zu werden, besteht darin, dass man sich a) gegenseitig als einzigartig bejaht und b) zugleich Veränderungen, die an jedem und um jeden herum passieren, bejaht werden können.





_______________.:Kaisermühlen-Blues-Folge Nummer 5 „Hof-Konzert“: Wie Österreicher aufgrund ihrer Begegnung mit Zigeunern sich selbst und die Fremden genießen werden.


Kurz zu der Serie. Kaisermühlen Blues war eine Sendung im ORF. Sie lief zwischen 1992 und 1999. 65 Folgen. Kaisermühlen ist ein Viertel in Wien.



__________.:1. Feindselige Einstimmung.

http://www.youtube.com/watch?v=a0MYjrZE5gU

In den ersten Szenen dieser Folge werden die Zuschauer in eine feindselige Atmosphäre gezogen. Diese feindselige Atmosphäre herrscht zwischen Österreichern und Ausländern. Gustl, der Sohn von Gitti Schimek, versteift sich in allgemeinen, indirekten Rassismus. Er meint, Gittis Bekanntschaft mit Joseph Okonkwo wäre der Grund, weshalb er nicht bei der Staatspolizei arbeiten darf.
Frau Kaiser wiederum äußert sich direkt rassistisch. Sie meint zu wissen, wer in letzter Zeit die Kräne von Baustellen stiehlt. Zigeuner.
Gittis Arbeitgeber, Herr Ogbana, ein nigerianischer Diplomat, reagiert empfindlich auf den Korb, den er von Gitti kriegt. Er äußerte ihr gegenüber den Wunsch, nur mit ihr essen gehen zu wollen. Als sie dies ablehnt, fragt er, ob sie was gegen Schwarze hat.
Zuletzt die deutsche Ehefrau von Erwin Schoitl. Sie wird für ihre Aktion, Franzi aus der Nervenheilklinik herausgeholt zu haben, von einem Grünen-Politiker des politischen Kalküls bezichtigt. Sie empört sich bei ihrem Mann, dass ihr als Deutsche immer als schlecht ausgelegt wird.

Die Einstimmung ist also sehr deutlich. Jeder folgt seinen Vorstellungen vom anderen, vom Ausländer, und fühlt sich von ihm verletzt oder sogar bedroht.



__________.:2. Leidenschaftlicher Wendepunkt. (Vom Herz...)

http://www.youtube.com/watch?v=fYR6ZGKHCMY

Die Hausbesorgerin Turecek sieht, wie einer von der Zigeunergruppe, Joszy, im Innenhof des Gemeindebaus (von der Stadt Wien subventionierte Wohnkomplexe) Plakate an die Wände klebt. Sie reißt eines von der Wand. Joszy findet das rassig. Und er ist ein Charmeur. Also: er schmeichelt ihr. Diese Komplimente sitzen. Und sie ist Feuer und Flamme. Darum hilft sie ihm mit verliebten Augen, die Plakate anzuheften.



__________.:3. Reflexionen in geselliger Runde. (...zum Kopf...)

http://www.youtube.com/watch?v=6bEcGhpXGzw
http://www.youtube.com/watch?v=1W85wEYtTjw

Kudrnac und Okonkwo machen sich ihre Gedanken über das Verhältnis von Europäern und Afrikanern. Zuerst ist es Kudrnac, der die Tätigkeit der Missionare kritisiert. Sie hätten die Andersheit der Afrikaner nicht respektiert und damit dort viel Unheil angerichtet. Diese Andersheit könne man allerdings deshalb respektieren, weil man sich vor etwas, das anders und fremd ist, nicht prinzipiell fürchten müsse.
Diese europäische Selbstkritik, die eigentlich auch die Stimme der Afrikaner ist, so scheint es, ermutigt Okonkwo, oder erlaubt es ihm mit Selbstbewusstsein, diese Kritik selbst gegenüber Europäern zu äußern. Interessant dabei ist, dass er das gegenüber einem geistig leicht behinderten Menschen tut. Franzi kommt mit zwei gängigen oberflächlichen Vorstellungen über Afrika und seiner Bewohner: nur Wüste, alle nackig. Vielleicht soll durch Franzis Stimme zum Ausdruck gebracht werden, wie blödsinnig unsere Ansichten von anderen manchmal sein können. In diesem Fall von Afrikanern. Okonkwo korrigiert diese Irrmeinung. In Afrika gibt es vieles andere mehr als nur Wüste. Sogar viel größere Flüsse als in Europa. Und was die Nacktheit betrifft, so wirft er den Missionaren, die als Eroberer kamen, vor, dass sie in ihrer souveränen Selbstbezogenheit und Anmaßung (nämlich: Nacktheit sei moralisch verwerflich und daher müsse dagegen unverzüglich vorgegangen werden) die Afrikaner vollständig missachtet hätten. Denn in den Kleidungen, die sie den Afrikanern zum Tragen gaben, waren Keime vorhanden, gegen die die Afrikaner nicht immun waren. Und das Seelenheil galt ihnen als eminent wichtiger als irdisches Wohlergehen.

Es sei jetzt endlich darauf hingewiesen, dass wir an dieser Stelle der Sendung bereits im Vorhof zum Finale sind. Zu dem Gespräch mit Franzi kam es nämlich an den Arbeiterfischern, an der Neuen Donau. Dorthin hatte Okonkwo Kudrnac, Gitti, Lena und Franzi eingeladen. Vor allem mit dem Ziel, mal was mit Gitti unternehmen zu können. Auf jeden Fall, sie alle haben diesen Ausflug genossen. Hier taucht also schon latent das Motiv Derridas auf: dass der Gastgeber durch den Gast bei sich zu Hause heimisch wird.



__________.:4. Hinführung zum Finale. (...zum Herzen.)

http://www.youtube.com/watch?v=V9_EYO6oW4E

Die Hinführung zum Finale beginnt damit, dass die Familie von Joszy bei der Turecek zu Besuch kommt. Hier kommt nun Derridas Motiv ganz ausdrücklich zum Vorschein. Die Turecek ist nämlich überglücklich über endlich mal so viel Besuch. Und dass es Essen, Trinken und Musik gibt.

Doch als die Musiker zu spielen anfangen, regt sich Widerstand. Ein Hausbewohner fühlt sich belästigt. Und nun kommt die ganze Geschichte Derridas ins Rollen. Die innere Vielfalt des – für die aus Sicht der Zigeuner gastgebenden – Österreichs tritt zutage. Den Österreicher gibt es also gar nicht. Diese Identität selbst ist in sich vielfältig und z.T. gespalten, zerstritten, unvereinbar usw. Der Wiener gegen die „G’scherten“, also die Nichtwiener, der Kärntner gegen die Tiroler usw. Nebenbei bemerkt, witzig übrigens, wie zerrissen Deutschland ist. Es gibt nicht nur die „Weißwurschtgrenze“, sondern auch die „Mauer“. Oder man halte sich nur den amüsant köstlichen Zwist zwischen Türkdeutschen und Ostdeutschen vor Augen (http://www.taz.de/!59174/). Das unter anderem meint Derrida mit seinem relationalen Identitätsbegriff: Wir bestimmen uns nicht ausschließlich selbst, sondern immer auch über andere.

Bevor der Streit eskaliert, schlägt der hinzugekommene Kudrnac einen Kompromiss vor: ein Hof-Fest. Alle, die wollen, können kommen. Und bringt was mit. Ein gemeinsames Fest.



__________.:5. Finale.

http://www.youtube.com/watch?v=8muZ82V_Uo0

Das Fest wird also gefeiert. Viele Gemeindebaubewohner kommen. Mit als Gastgeber tritt Joszy auf. Und von ihm wird seine Geliebte, die Turecek, nochmals lernen. Als zufällig die Schoitl durch den Hof läuft – sie wohnt nicht da, sondern in einem Einfamilienhaus mit ihrem Mann –, wird die Turecek abschätzig. Sie würde hier sich nicht mitfeiern wollen. Sie sei was feineres. Sicher unsympathisch. Wieder eine unzutreffende Vorstellung über wen anderes. Erst fragt nämlich Joszy die Turecek, ob sie denn die Schoitl kennt. „Ach wo“, antwortet sie ganz unverfroren. Woraufhin Joszy antwortet, dass sie ja dann auch nett sein könnte. Er geht also auf die Schoitl zu und lädt sie ein. Die Schoitl möchte sich nicht aufdrängen,. Doch schließlich lässt sie sich einladen. Und wird herzlich willkommen geheißen.

Die Folge endet mit einer Miss-Wahl. Wer kann sie wie gewinnen? Diejenige Anwohnerin, die den vorgeschlagenen Zigeunertanz nach Meinung der anwesenden Männer am besten tanzt. Und der Preis? Eine Flasche Champagner. Sowie: alle Männer übernehmen eine Woche lang ihre Aufgaben.



__________.:6. Analyse.

Das Thema dieser Folge entspricht ganz den anfänglich angeführten Zitaten Derridas. Der Gastgeber wird durch die Gastgeberschaft des Gastes heimisch. Und die Serie ist in dieser Hinsicht reflektiert optimistisch bzw. zeigt eine zweite Naivität. Was will ich damit sagen?

Die Folge endet harmonisch. Die Anwesenden genießen sich und die anderen, in diesem Fall die Zigeuner, den Afrikaner, die Deutsche usw. Sie tanzen sogar einen Zigeunertanz, zu deren Musik. Dennoch. Die Fassade dieser Harmonie hat drei Brüche. Das heißt, es wird kein totales Happyend produziert. Das meine ich mit „reflektiert optimistisch“ bzw. mit „zweiter Naivität“.

Was sind diese Brüche? Der eine Bruch ist, dass z.B. weder die Kaiser, noch Gustl, noch der Kärntner zu sehen sind. Gründe für ihre Abwesenheit werden allerdings auch nicht genannt. Als einen Bruch sehe ich es trotzdem. Denn bei einem richtigen Happyend wären sie dabei und würden fröhlich mitfeiern.

Der zweite Bruch zeigt sich am Verhalten Okonkwos. Er sitzt alleine mit Gitti an einem Tisch. Das veranlasst ihn zu der Äußerung, keiner würde sich trauen, zu ihnen herüberzublicken. Hier zeigt sich meiner Ansicht nach ein wesentlicher Unterschied zwischen ihm als Liebhaber und Joszy als Liebhaber. Okonkwo hat immer die negative Erwartung, abgelehnt zu werden. Er als Schwarzer mit einer Österreicherin! „Negerhure“ würde man sie beschimpfen. Und zwar eine erdrückende Mehrheit. Des weiteren fällt auf, dass er eher ein Einzelgänger ist. Ich empfinde die Stimmung oder Atmosphäre, die von ihm ausgeht, als verbittert und hin und her schwankend zwischen Resignation und einem letzten Fünkchen Hoffnung. Denn immer ist er vorsichtig initiativ.
Ganz anders hingegen Joszy. Er ist direkt initiativ. Er baggert die Turecek sofort an. Als sie ihm verfällt, macht er sie sofort mit seiner Familie bekannt. Er ist ein geselliger Mensch. Was in dieser Folge jedoch noch nicht ausdrücklich erwähnt wird, man allerdings schlussfolgern kann: als junger Zigeuner ist er ein Herumreisender. Er ist ein Ästhet, der den Augenblick genießen will. Er ist keiner, der sich – zumindest gegenwärtig – binden möchte.
Der Bruch, den Okonkwo – und mit ihm mitgerissen: Joszy – markiert, lässt sich schließlich so formulieren. Okonkwo, der etwas Langfristiges anstrebt, ist weitaus zurückhaltender. Er bedenkt die Konsequenzen seines Handelns. Denn würde er mit Gitti eine Beziehung eingehen, taucht er sehr stark in eine ihm fremdes Umfeld ein. Obwohl er diesbezüglich pessimistisch wirkt, ist er doch hoffend. Sonst wäre er nicht initiativ. Und so initiiert er eine kleine gemütliche Runde. Ein Picknick bei den Arbeiterfischern an der Neuen Donau.
Joszy ist da ganz anders. Er interessiert sich nicht für etwas Dauerhaftes. Ihn interessiert der Augenblick. Und dass dieser ganz und gar mit Lust erfüllt ist. Entsprechend geht er unbedarft an die Menschen heran und bietet ihnen genussreiche Möglichkeiten. Auch wenn er das große feuchtfröhliche Hof-Fest selbst nicht initiiert, dass es überhaupt stattfindet verdankt sich seiner starken Präsenz. Außerdem tritt er mit als Gastgeber auf. Wie z.B. im Falle von der Schoitl. Seine ästhetische Persönlichkeit kommt dabei ganz wunderbar durch seine Einladung zum Vorschein: „Der Tag ist schön, die Luft ist lau. Lauschen Sie der Musik. Kommen Sie. Essen Sie. Trinken Sie.“ Poesie ist das.
Zusammengefasst: Derjenige Gast, der oder die sich intensiver dem Gastgeber oder der Gastgeberin zuwendet, hat größere Angst, Ablehnung zu erfahren. Wer sich hingegen nur eventmäßig dem Gastgeber oder der Gastgeberin zuwendet, hat die schlichte Erwartung, dass er oder sie willkommen geheißen wird.

Den dritten Bruch findet man bei der Miss-Wahl. Die Verhältnisse zwischen Frauen und Männern werden hier sehr unbeschwert, heiter und glücklich dargestellt. Doch die Miss-Wahl ist nicht unverfänglich. Man denke nur an Feste früherer Zeiten. Da wurden die Rollen getauscht. Für einen Abend war der Herzog Leibeigener, der Leibeigene Herzog usw. Das klingt sehr menschlich. Allerdings hat das einen faden Beigeschmack: es scheint die bestehende asymmetrische Ordnung nur zu festigen. Und eine solche Hierarchie findet man auch hier zwischen Männern und Frauen. Die Männer geben das Ziel und den Rhythmus vor.

(Möglicherweise eine Art vierter Bruch ist das Medium, das die Realität in gewisser Weise ausklammert. Der Film, der das Fest produziert. Der Text Derridas und dieser Text.)

Solche Brüche sind übrigens auch Derrida bewusst. Er nennt es die Möglichkeit der Perversion von Gastfreundschaft. Doch erst diese Möglichkeit erlaube eine Verbesserung der Gastfreundschaftsgesetze.





_______________.:Happy Open End.


Die Idee, als Gastgeber durch den Gast zu sich zu finden (ein Gedanke, der so allgemein wie möglich gefasst werden sollte: denn wer ist anderen kein Fremder, kein anderer?), hat stichhaltige Argumente für sich. Das hat Derrida m.E. in vielen Punkten überzeugend ausgearbeitet. Und Ernst Hinterberger gemeinsam mit Reinhard Schwabenitzky haben als Drehbuchautoren eine künstlerische Vision geschaffen, die zu verwirklichen sehr erstrebenswert wirkt.
Doch da sie sich einer zweiten Naivität verpflichtet fühlen, ermutigt diese Folge gleichfalls, diese Vision lernend umzusetzen. Was könnte z.B. Okonkwo von Joszy lernen? Und was könnte Joszy von Okonkwo lernen. Und was können wir von beiden lernen?

Und die andere Idee Derridas, dass jeder andere immer ganz anders ist, also einzigartig, sich zwei Menschen folglich niemals durch und durch verstehen werden – das ist eine Idee, die es sich vor Augen zu halten gilt. Die Einzigartigkeit jedes und jeder anderen sowie jeder Situation stellt diese fünfte Kaisermühlen-Blues-Folge eindrücklich dar.
Entsprechend kann an Derrida geschätzt und bei „Hof-Konzert“ gelernt werden, dass moralisch handeln heißt: um des anderen willen zu handeln.

Und das alles kann am Beispiel der Gastfreundschaft wunderbar erörtert, ausprobiert und erlebt werden.





Quellenverweise:

* Jacques Derrida: Von der Gastfreundschaft. Mit einer „Einladung von Anne Dufourmantelle. Übertragung ins Deutsche von Markus Sedlaczeck. Herausgegeben von Peter Engelmann. Wien: Passagen Verlag 2001 (Original: De l’hospitalité. Paris: Calmann-Lévy 1997)

* Kaisermühlen Blues – Folge 5: „Hof-Konzert“. Drehbuch: Ernst Hinterberger und Reinhard Schwabenitzky. Regie: Reinhard Schwabenitzky. ORF 1992. (Ausschnitte aus Kaisermühlen Blues. DVD 2: „Folgen 5 – 8“. Wien: Hoanzl) (buy@Hoanzl: http://www.hoanzl.at/catalog/product/view/id/20051/category/146/)





weitere Literaturempfehlungen zum Thema:

* Jacques Derrida: Das andere Kap; Schurken; „Glaube und Wissen. Die beiden Quellen der Religion an den Grenzen der bloßen Vernunft“

* Michel Foucault: Ästhetik der Existenz (Sammlung kurzer Interviews und einiger kleinerer Aufsätze)

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THE STALKER ON MUSIC


Erstaunlich! Wirklich, es ist doch überraschend, da glaubst du, alles Glück auf Erden gefunden zu haben. Und doch lugt da mit schmalen, zischelnden Augen eine große Unzufriedenheit aus seinem schlammigen Schatten hervor.

In einem Wettbewerb alles auf eine Karte setzen. Wer das kann, boah, den bewundere ich! Sei es bei einem Geschäft, beim Glücksspiel, in der Liebe, bei einem Lebenstraum. Und wer da gewinnt, meine Glückwünsche! Und immer noch Bewunderung für den oder die, der beziehungsweise die verliert!

Es ist aber ein bisschen wie mit Komikern. Man glaubt ja, die sind auch privat so lustig. Und dann erfährt man, nee, die sind völlig normal. Da ist man natürlich enttäuscht, glaubst du nicht. So eine Leere empfindet man: wie langweilig!
Aber vielleicht ist das ja auch ganz richtig. Es gibt Show. Und es gibt das Leben halt. Wo Show häufig unpassend.
Ein bisschen ist das mit Wettbewerbssituationen und solchen Umständen, wo es keinen Wettbewerb gibt. Die Wettbewerbssituation zeichnet sich aus durch: fiebrige Erwartung, riskante unmittelbare Entscheidung, drastische Wendung. Sekt oder Selters. Und so halt. Wenn aber ein Umstand keine Wettbewerbssituation ist: kalkulierende Erwartungshaltung, ein faules Was-du-heute-kannst besorgen-verschiebe-nicht-auf-morgen, „alles fließt“. Ein Basar an Möglichkeiten. Wieso nun unter solchen Umständen alles auf eine Karte setzen?

Zum Beispiel. Du hörst es vom Radiomoderator, du liest es in Internetforen, du liest es auf amazon bei Kundenbewertungen, du liest es bei Musikrezensionen. Da wird eine Band oder ein Musikstil als das einzig Wahre angepriesen, glaubst du nicht. Der ganze Rest wird mit einer Leerstelle bedacht, die dann beliebig mit einem Repertoire an Verunglimpfungen aufgefüllt wird, da klappt dir die Kinnlade runter. Dermaßen ein Spektrum an Ausdrücken, Von neurotischen Satzgefügen bis hin zu sich aller Hemmungen entledigten peitschenden Ellipsen, da ist alles dabei.
Nun, da hat also wer das Glück seines Lebens mit einer Musik oder einer Band gefunden. Doch zugleich die Unzufriedenheit. Es gibt da noch andere Musik oder Bands oder Interpreten. Und das gefällt auch noch wem! - Man sagt ja, hättest du geschwiegen, dann wärst du Philosoph geblieben. Das lässt sich wohl übertragen. Hättest du nicht geschimpft, wärst du ein glücklicher Mensch geblieben.

Nun, ich würde dies also einen klassischen Fall von Verwirrung nennen. Denn, Wettbewerb und nicht Wettbewerb. Das ist eine Unterschied, Unterschied noch Hilfsausdruck.

Ich möchte eine Begründung aber nicht vorenthalten. In Andrej Tarkowskijs Film »Stalker« wird über Musik geplaudert. Hier: http://www.youtube.com/watch?v=vpXjs3fb1Sw

Ich finde ja die Aussage entscheidend, „Was gerät ins Schwingen in uns?“ Ich behaupte, das will heißen: Die Musik die mir gefällt, hat was mit mir zu tun. Nun, nicht das du glaubst, wer Pop hört, ist oberflächlich oder dumm. Und wer musique concrète hört, der hat einen IQ, da reißt du nur deine Augen auf, so staunen kannst du gar nicht. Vielleicht verhält es sich nämlich so: Die Musik, die dich und mich am ehesten anspricht, betrifft unsere Oberfläche. Wer wir nach außen hin sind oder sein wollen. Sonst würden wir ja nicht so publik gehen mit unserem Musikgeschmack.
Vielleicht ist es deshalb so, dass man die Tiefen seiner selbst in gerade in der Musik findet, die man selten bis nie hört. Und dann gibt es da plötzlich ein Lied, das einem gefällt. Und man ist überrascht!

Ich höre am liebsten z.B. solche Musik:
* Lycia - „Anywhere But Home“ (von The Burning Circle and Then Dust, CD 1) --> http://www.youtube.com/watch?v=UZdDD-oeot8
* Elend - „The Hemlock Sea“ (von Sunwar the Dead) --> http://www.youtube.com/watch?v=ghnJQp4Pb1Q
* Jonathan Harvey & Frances-Marie Uitti - „six“ & „seven“ (von Imaginings) --> http://www.youtube.com/watch?v=mMLthtOXbqY
* Supersilent - „1.3“ (von 1-3) --> http://www.youtube.com/watch?v=oCPcGHrksoA


Doch irgendwann hörte ich das Lied „Dancing“ von Elisa. Und war hin und weg... http://www.youtube.com/watch?v=LGZ--YFzqXg

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